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Neusprech und Krieg

 Der gestrige Tag war ein in fürchterlicher Tag. Putins Überfall auf die Ukraine hat mich erschüttert. Dass es tatsächlich soweit kommen würde, habe ich noch zuletzt nicht für möglich gehalten. „Nie wieder Krieg“ - es war eine Illusion. Gestern morgen dachte ich noch, dass jeder, gerade in unserem Land, den Krieg ohne wenn und aber verurteilt. Aber dann: es gibt schon wieder zu viel „aber“. User:innen lamentieren auf den „sozialen Netzwerken“ über Putins „Befindlichkeit“. Nicht gesehen, nicht gehört, seit Jahren diskriminiert - also muss er sich wehren und die Ukraine „entnazifizieren“. Die Wahrheit wird einmal mehr auf den Kopf gestellt - Lüge wird zur Wahrheit umgeschrieben. Schon beschämende Auftritte von Frau Wagenknecht und Frau Krone-Schmalz in Talkshows führten zu Kopfschütteln. Sie gebärdeten sich, als wären sie Putins Pressesprecherinnen. Was ist los in diesem Land?

Ein gemeinsamer Boden für Kommunikation, gemeinsame Begriffe, die sich auf Fakten stützen, sind auch der Boden für gemeinsame Regeln - und für unsere Demokratie. 

Dieser Boden wird zielgerichtet nach und nach entzogen. „Merkel-Diktatur“ und „Putin hilf“ schallte es schon von den Marktplätzen der PEGIDA. Wir haben es mit keiner natürlichen Entwicklung von Sprache zu tun, wir sehen eine, von bestimmten Gruppen aus ideologischen Motiven herbeigeführte Veränderung von Sprache. Ein verordneter Umbau der Sprache. Über „Neusprech“ hat schon Orwell geschrieben. Auch in unserer Welt ist das kein neues Phänomen.

Schon Trumps „Alternative Fakten“ haben schnell die Dimension einer Parallelwelt angenommen, in der heute schon fünfzig Prozent der Amerikaner leben. In Russland sind es wohl noch mehr, die unter dem Dauerfeuer der Lügenpropaganda in eine Parallelwelt gezwungen wurden.

Auch hier bei uns nehmen konstruierte Parallelwelten immer mehr Raum ein.

Neusprech allerorten, von „Bürger*innenmeister*innen“ bis „menstruierende Person“, von „Lügenpresse“ bis „Impfdiktatur“. Pflöcke, die ideologische Grenzen ziehen. Wer diese Grenzen nicht anerkennen will, wird abwechselnd als „weißer, alter Mann“ oder als „links-versifft“ diffamiert.

Es ist höchste Zeit wieder eine klare Sprache zu sprechen. 

Ein Aggressionskrieg ist keine „Verteidigung“, eine Okkupation kein „Schutz“ die Lüge vom „Genozid an Russen“ eine „barbarische Verdrehung der Fakten“ wie Luxemburgs Außenminister sich ausdrückt, Clowns, Comedians, Satiriker, Schriftsteller, Journalisten oder Künstler sind keine „Volksfeinde“ und Verbrecherbanden keine „Regierung“. Wer jeden verhaften lässt, der widerspricht, Menschenrechtsorganisationen als „ausländische Agenten“ verbietet, die Opposition ins Lager steckt, ein Mann der die europäischen Nazis - von Le Pen bis zur NSAfD finanziert und gleichzeitig den demokratisch gewählten, jüdischen Präsidenten der Ukraine als „Nazi“ bezeichnet, ist kein lupenreiner Demokrat, sondern ein Diktator, der offenbar schon dem Irrsinn verfallen ist.

Putin ist der neue Hitler, das müssen wir begreifen. Er schickt seine Armee in den Krieg, mordet, lügt jedem, wie Frau Baerbock sagt, „eiskalt ins Gesicht“ während er hinter dem Rücken die Waffe entsichert. Die Märchenerzählungen über ein russisches Reich, dessen Ansprüche sich noch vor 1917 ergeben haben sollen, seine hasserfüllte Mimik mit der er seine Lügen und seine Drohungen gegen die Welt ausstößt, zeigt die Gefahr, in der wir alle uns befinden.

Die Vertreter einer demokratischen Regierung werden von Putin im Staatsfernsehen als Neo-Nazis, SS und drogensüchtige Banderas bezeichnet - Putin entgleist zunehmend.

Über eintausendfünfhundert Demonstranten sind in Moskau und St. Petersburg verhaftet worden, weil sie gegen den Krieg auf die Straße gingen. Man kann nur vermuten, wieviele Menschen darüber hinaus so mutig waren, trotz aller Gefahren Putin die Stirn zu bieten.

Hunderttausend Menschen gehen in Berlin auf die Straße. Der Rosenmontagszug in Köln wird zu einer Friedensdemonstration. Ich hoffe wir sehen uns. Ich hoffe, wir können noch lange in Frieden miteinander reden und streiten und schreiben.

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