Direkt zum Hauptbereich

#AllesDichtMachen - nicht alle Schauspieler können denken.

Pandemie ist schwierig. Ein Virus, das nicht verschwinden will, Maßnahmen, die uns davor schützen sollen, Mediziner, die Leben retten wollen, psychische Belastung, Gewalt, Untergangs-Ängste in der Gastronomie und bei den Künstlern. Alles das verlangt uns einiges ab. Was tun?

Die Theater betreiben Beschäftigungstherapie. Zum Beispiel alle Wörter auf allen Internetseiten mit Sternchen zu schmücken. Toll. Und was machen unsere Lieblinge, die richtigen Schauspieler, die, die wir vom Bildschirm kennen? 

Dreiundfünfzig prominente Fernseh- und Theater-Schauspieler meinten sich am 22. April 2021 lustig machen zu müssen über jegliche Maßnahme, die eine Pandemie eindämmen könnte. In pseudo-ironischen Videos, die inhaltlich in jedes Redemanuskript eines AfD-Politikers oder Corona-Leugners gepasst hätten, machten sich die Kollegen gemein mit den Irren, die sonst herumtanzen und „Corona-Diktatur“ schreien. Kein Wunder also, dass Alice Weidel und die so genannten ‚Querdenker‘ in Jubel ausbrachen. Kein Wunder auch, dass sich viele Kollegen entsetzt zeigten. Kein Wunder, dass die Proteste hochkochten und kein Wunder, dass von den Video-Produzenten schon am selben Tag niemand mehr für ein Gespräch zur Verfügung stehen wollte. In der Folge kam es wenig später zu plötzlichen, ironiefreien Distanzierungen von der eigenen Ironie, Clips wurden hastig wieder gelöscht und dann tauchten Postings auf unter dem Motto: Das habe ich so nicht gewollt. Besser wäre gewesen: Erst denken, dann handeln, oder war das schon für manchen Schauspieler eine zu große Hürde? Zumindest wäre den Kollegen und uns einiges erspart geblieben.

Ulrike Folkerts: „Weil ich das Meer liebe, darum will ich mehr - mehr Maßnahmen.“ An diesem Text hat sie sicher lange gearbeitet.

Ich würde nie auf die Idee kommen zu behaupten, Schauspieler könnten nichts Kluges sagen, ohne es vorher auswendig gelernt zu haben, aber in diesem Fall… Texte zu verfassen und dann zu spielen - ganz ohne Regie - keine gute Idee.

In einer Art Faszination des Grauens sah ich, wie sich bei manchem Kollegen auch ohne Virenlast der Geisteszustand verdunkelte:

#allesdichtmachen #lockdownforever - die Internet-Lawine ging unaufhaltsam zu Tal. Der Hintermann, Bernd K. Wunder (Werbespots und Musikvideos) höhnte noch 2020 über die Befürworter eines Lockdowns: „Mundschutzknappen und selbsternannte Retter der Menschheit“. Mit einem Hund vor dem Mund machte er sich über Masken lustig. Laut „Focus“ hält er Corona heute dann doch für eine gefährliche Krankheit. Aha.

Die Clips der Schauspieler waren auch ohne Hund lustig. Bei Heike Makatsch etwa klingelte es an der Wohnungstür und sie spielte „gar nicht mehr aufmachen“. Richie Müller (Tatort) lehrte ‚richtiges Ein- und Aus-Atmen‘ mit zwei Mülltüten, Liefers forderte - mit treuem Hundeblick - bedingungslosen Gehorsam, Volker Bruch - noch treuer und trauriger - mehr Angst - und eine traurig-beschränkte junge Frau mit kalter Hundeschnauze: „Wenn ich Leute einsperren will, dann sage ich: Wir müssen zu Hause bleiben…“ Darunter ein Unterstützer-Schmollmund voller Hashtags: #beautyleipzig #bleibtstark #endlesslockdown. Nadja Uhl hörte ich sanft etwas über das „Schweigen“ sagen, unterlegt mit esoterischer Musik. Ulrich Tukur rezitierte ein Gedicht über den Tod und bat hohltönend „unsere erhabene Regierung“ (Achtung Ironie): „…Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte …“ Superlustig. Welche Ironie, dass schon so viele gestorben sind und das Virus immer noch grassiert und Schauspieler Maßnahmen zur Rettung von Leben offenbar für überflüssig halten. Deutschland, deine Künstler. Nach Xavier Naidoo und Nena haben die Querdenker neue Helden gefunden.

Hochnotpeinlich sind die Videos aber auch für unseren Berufsstand. Diese angestrengte Art ironisch sein zu wollen, mit gespielt ernsten Gesichtern, zeigt die ganze Bandbreite großen Laienspiels (Wer ‚Tatort’ schaut, wusste das zumindest schon von Frau Folkerts). Es wird gemimt was das Zeug hält. Achtung witzig! Und ernst! Der Versuch diese komplizierte emotionale Mischung herzustellen, war in jedem der Gesichter abzulesen und misslang gründlich.

Ergebnis: Eine furchtbare, schlechte und dumme Sache. Vielleicht ist ein solches Versagen auch dem Umstand geschuldet, dass prominente Schauspieler ständig aufgefordert werden in Talkshows jenseits des Satzes „Unser neuer Tatort ist spannend und divers“, auch sonst etwas Bedeutendes zur Weltlage mitzuteilen. So glauben die Zuschauer bald, dass Professor Börne oder eine toughe Kommissarin genauso schlau sind wie Wissenschaftler. Das macht die Clips umso gefährlicher.

Die Aktion sei „zynisch“, sagt Theaterschauspieler Ulrich Matthes - „Wütend, enttäuscht, konsterniert…“, so beschreibt er seine Gefühle. Zu behaupten, sagte er, die „Maßnahmen wären oktroyiert, eine Art von indirekter Corona-Diktatur würde den Künstlerinnen und Künstlern indirekt den Mund verbieten - das halte ich für vollkommen absurd.“

Die Ärztin Caro Holzner forderte die Schauspieler auf, einen Tag Dienst im Krankenhaus zu machen. Sarkasmus, sagte sie, habe hier nichts verloren: „Sie haben eine Grenze überschritten. Eine Schmerzgrenze.“

Tatsächlich spielten in den Clips die wirklichen Probleme keine Rolle. Kein Gedanke an die über 80.000 Covid-Toten, kein Wort zur Lage der Theater. Es wäre es in der Tat eine gute Idee gewesen, sich jetzt einzumischen. Immerhin öffnen gerade wir Künstler im besten Fall durch unsere Werke einen Blick auf eine andere, vielleicht sogar eine bessere Welt. Die Wahrheit aber ist, unsere Bühnen sind verwaist. Sie geben keine Hoffnung mehr. Interne Debatten beschäftigen sich eher mit Recherche, Digitalisierung, Blackfacing und neuen Strukturen. Wir drehen uns nur noch um uns selbst. Warum verlässt uns gerade jetzt die Kraft der Kunst?

Jan-Josef Liefers merkte spät, zu spät, was er da angerichtet hatte, aber, immerhin, er distanzierte sich als erster: „Eine da hineinorakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern und Ähnlichen weise ich glasklar zurück...“ Immerhin stellte sich Liefers auch noch am selben Tag als einziger der Kritik und immerhin ist er praktisch in Projekte involviert, die ironischerweise das Gegenteil seines Videos bedeuten, etwa in Tübingen die Ärztin Frau Federle zu unterstützen. Umso mehr muss man sich wundern.

Was nun? Was tun? Heike Makatsch und Meret Becker bitten um Verzeihung, falls sie jemanden verletzt haben sollten. Wird es einen neuen Hashtag „Verzeihung“ geben?

Und Ulrich Matthes hat noch einmal Recht. Forderungen, den Kampagnen-Schauspielern Berufsverbot zu erteilen, weist er ebenso empört zurück, wie deren Clips. Mehr reden, zusammen ein Bier trinken. Gute Idee. Liebe Kollegen, lernt eure Texte, fangt an zu denken und sagt mit Bescheid, wo ihr das Bier trinkt. Dann bin ich dabei und wir reden über Theater. Das wird schön.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Gedenken an meinen Freund Thomas Reis

Rede zur Trauerfeier in der "Comedia" am 30. August 2024 Thomas Reis. Es sind so viele Freunde da, es ist so viel vorbereitet. Mir fällt es schwer heute über ihn zu sprechen. Am liebsten würde ich weinen und anschließen ein paar Kölsch trinken. Aber: Thomas sagte: Du hältst die Rede. Toll. Diese Rede zu schreiben hat von mir das verlangt, was ich in über dreißig Jahren immer von Thomas verlangt habe. Von 1000 Seiten Text 995 zu streichen. Es sind so viele Erinnerungen, so viele Fußballspiele, so viel Kölsch, so viele Reisen, so viele wundervolle Auftritte, auf Gold-, Holz-, Kartoffel- und Reis-Bühnen, in Freiburg, Berlin, im Theater am Sachsenring und auch in der Comedia. Hier wollte er eigentlich nicht mehr auftreten. Kein Platz mehr für alte weiße Männer, erzählte er mir. Jetzt ist er doch wieder da. Geht doch. Thomas? Ich höre dich. „Liebe Freunde der belesenen Betroffenheit, Feministen und Feministinnen, trans-, bi-, homo- hetero- und metrosexuelle Menschenfreund*innen al...

Mahagonny in der Kölner Oper

Es begann vielversprechend. Ein kleiner weißer Vorhang öffnet sich (die Brecht-Gardine), eine karge, tiefe, öde Landschaft mit einem halb aufragenden Schiffswrack wird sichtbar. Ein altes Auto mit Anhang rattert auf die Bühne und bleibt mit einem Knall in der Mitte liegen. Zwei Schreckgespenster, Fatty und der Dreieinigkeitsmoses (Martin Koch, Dennis Wilgenhof), absurde Figuren, wie dem Kabinett des surrealen Expressionismus entsprungen, finden, bis zur Küste ist es zu weit, zurück ist es zu weit, die Witwe Begbick (Dalia Schaechter: düster, schön, mit Kraft), steigt in den grauen Himmel, auf der angehängten Maschine tritt Technik in Form einer Hebebühne in Aktion, sie findet, man werde also bleiben und die 'Netzestadt' gründen: Mahagonny. Und dann? Dann kommen die Frauen, die Haifische, die Jungens. Wenn Jim Mahony (Matthias Klink) sich langweilt, ist das sehr komisch, wenn Jenny (Regina Richter) singt "Denn wie man sich bettet so liegt man" dann ziehen mich Stimme...

Kultur - ich bin optimistisch

Tag der deutschen Einheit. Nach der Wahl. Das wäre doch eine Gelegenheit für Kultur. ODER? Mal schauen. Eine Show. Moderiert von Kiwi, der weiblichen Hüpfburg und unerträglichen Quasseltante, die sonst Volksmusikanten durch den ZDF-Garten scheucht. Das ZDF will aber an diesem Tag auch die jungen Scheintoten erreichen. Also sind die Gäste der Show natürlich hippe Hütchenträger, deren werbekompatibler Nöhl- und Nuschel-Pop so austauschbar klingt, dass alle zufrieden sind und niemand mehr unterscheiden kann, ob Max Giesinger oder Max Giesinger auf tanzenden Frauen herumreitet. Und der Osten? Was servieren wir dem Osten? Jan-Josef Liefers, weil der eben aus dem Osten kommt und im Tatort spielt. Er darf zeigen, dass er auch ein Hütchen tragen und nicht singen kann, seine Frau röhrt derweil in einer Kult-Ost-Band. Himmel. Schnell zurück in den Westen. Mary Roos und Thomas Anders führen in einer Art modern talking durch ihre Heimat. In Einspielern. Dann das nächste Hütchen, ein als Lockenko...