Direkt zum Hauptbereich

Kunst im Bau

Sind wir nicht schon genervt genug? Brauchen wir nicht auch Orte, an denen wir nur sitzen, oder warten oder essen und trinken dürfen ohne genervt zu werden? In der Kneipe müssen wir einen Platz finden mit ausreichendem Abstand zu den wummernden Lautsprechern, denen wir schon aus dem Straßenverkehr versucht haben zu entkommen. Dann die Blickrichtung. Nicht ständig auf die esoterischen, bunten, traurig gepinselten Bilder schauen müssen, die Veedels-Künstler aufhängen dürfen.

Und nun? Die U-Bahn, die neue, kurze, ist noch nicht eröffnet, schon wird "Kunst" geplant. Die "Neumarkt-Collage" am Neumarkt oder die "Kölner Köpfe" am Appellhofplatz sind schon unvergesslich genug. Nun soll uns also bunte, schrille Performance-Malerei (Kneipenkunst in Riesenformat) von ruhigen Momenten abhalten. Der Vorstandssprecher der KVB spricht von einem "bedeutenden Kunstprojekt". Diese Sorte Vorstandssprecher schauten im vorigen Jahrhundert zuhause auf einen traurigen Clown, bevor sie sich ein einen solchen verwandelten. Heute sind Clown und Zigeunerin im Goldrahmen ersetzt worden von digitalen Fotorahmen und Video-Projektionen. Der Vorstandssprecher fährt fort mit einem weiteren auswendig gelernten Verlautbarungsbaustein: "Spannungsfeld zwischen Kunst und Architektur". Dann kommt noch unser Kulturdezernent Quander: "Attraktivierung des unterirdischen Stadtterrains". Aua. Unterirdisches Geistesniveau ist somit ausgewiesen. Diese Köpfe sind innerhalb ihres Hohlraumes mit Sicherheit bunt bemalt und beinhalten Büroschränke mit Satzschablonen. Das muss genügen.

Einer der prämierten Kunstentwürfe für 1,5 Millionen Euro ist kein trauriger Clown, nein, eine Video-Projektion. Buntes Thema: Papageiennest.

Liebe Leute! Der Einsturz des Stadtarchives war KVB-Performance genug. Lasst uns einfach in Ruhe Bus fahren.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Gedenken an meinen Freund Thomas Reis

Rede zur Trauerfeier in der "Comedia" am 30. August 2024 Thomas Reis. Es sind so viele Freunde da, es ist so viel vorbereitet. Mir fällt es schwer heute über ihn zu sprechen. Am liebsten würde ich weinen und anschließen ein paar Kölsch trinken. Aber: Thomas sagte: Du hältst die Rede. Toll. Diese Rede zu schreiben hat von mir das verlangt, was ich in über dreißig Jahren immer von Thomas verlangt habe. Von 1000 Seiten Text 995 zu streichen. Es sind so viele Erinnerungen, so viele Fußballspiele, so viel Kölsch, so viele Reisen, so viele wundervolle Auftritte, auf Gold-, Holz-, Kartoffel- und Reis-Bühnen, in Freiburg, Berlin, im Theater am Sachsenring und auch in der Comedia. Hier wollte er eigentlich nicht mehr auftreten. Kein Platz mehr für alte weiße Männer, erzählte er mir. Jetzt ist er doch wieder da. Geht doch. Thomas? Ich höre dich. „Liebe Freunde der belesenen Betroffenheit, Feministen und Feministinnen, trans-, bi-, homo- hetero- und metrosexuelle Menschenfreund*innen al...

Karin Beier bringt die Jelinek im Schauspielhaus zum Tanzen

Auch diesmal (wie schon bei den ‘Nibelungen’) habe ich eine der umjubelten Inszenierungen von Karin Beier erst mit zeitlichem Abstand sehen können. Fern vom Jubel oder der Theater-des-Jahres-Hysterie sehe ich neue und alte Textflächen der Jelinek - und - dieser Abend reißt mich wirklich hin. Fasziniert, in Bann gezogen bin ich. Dieser Abend bestätigt im besten Sinne den Satz: Theater ist Kontext. Vermutlich hat der Abstand den Abend noch schärfer gemacht. Noch deutlicher werden uns Zusammenhänge zwischen Staudamm-Bau, U-Bahn-Bau, Wasser, Beton, Atomkraftwerk, Tsunami, Tod und Schuld. Das Wasser. Es soll bleiben wo es ist. Das Wasser kommt. Ein Thema in Variationen. Die Assoziationsketten zwischen den Satzketten der Jelinek lösen durch das Spiel Worte, Bilder, Emotionen aus, Überlegungen, Verstrebungen, die immer wieder mit Wasser, mit Gewalt, Natur, Mensch, Beherrschbarkeit, Überwältigung oder Tod zu tun haben. Dieser Abend reizt die Sinne und das Hirn. Er bietet das, was Theater aus...

Nackt und feucht

Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum... eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne ist gefallen. Die Ebenen überlappen sich. Theater ist Pop, Event. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch: Flüssigkeiten. Schauspieler sind immer nass, feucht, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den großen Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin sich so viel Text merken konnte, heute si...