Direkt zum Hauptbereich

Posts

"Kirschgarten" im 'Theater des Jahres'

Nach der Premiere im Kölner Schauspielhaus konnte ich mich noch nicht sofort entscheiden, was ich schrecklicher fand: wieder einmal ansehen zu müssen, wie ein gutes Stück zugrunde gerichtet werden muss, diesmal von der Regisseurin Karin Henkel, oder das jubelnde, johlende Publikum, das sich als Publikum des Theaters des Jahres offenbar selbst zu feiern scheint und das auch zwischendurch meinte etwas zu lachen zu haben. Die Inszenierung ist albern, langweilig, langatmig, ohne Pause. Meist wird gehüpft, getanzt, es reiht sich eine Clownsnummer an die andere, manche für sich genommen, durchaus komisch, es werden lebendige Puppen durch die Gegend getragen, Diener umgeworfen, Frauen geschubst, man läuft ununterbrochen um eine kleine Drehbühne, auf der Musiker Posaune und Schlagzeug bearbeiten. Dazwischen wird Tschechowscher Text abgesondert, weggeschleudert, in den Alltag gezerrt, geschrieen oder in Endlosschleifen wiederholt (irgendwann einmal muss mir jemand erklären, wieso im zeitg...

"Wutbürger" - Die Kultur des Reflexes

Der Wutbürger ist wütend wenn er nicht wütend sein darf. Der Wutbürger ist wütend, wenn er so genannt wird oder wenn er nicht verstanden wird, oder seine allzu berechtigte Wut Kritik erfährt. Ich bin auch schon wütend. Der Begriff 'Wutbürger' ist nun auch noch Wort des Jahres 2010 geworden ist. Das verleidet mir fast, dieses Wort überhaupt noch zu verwenden, denn es kennzeichnet einen allgemeinen Trend, die Welt besteht nur noch aus Trends, Äußerungen einer aktiven Minderheit aus der Mitte der schweigenden Mehrheit, die sich so direkt einbringen kann. Durch Entsetzen, Betroffenheit, Tränen, Wut. Wut ist zum Ersatz geworden. Zum Ersatz für eine geordnete Spielart der Demokratie. Die repräsentative Demokratie scheint nicht mehr zu funktionieren. Der Wutbürger sieht sie nur noch als korruptes Anhängsel der Finanz- und Großprojekte-Industrie, einer Politik, die Menschlichkeit und 'Nachhaltigkeit' (Wort des Jahres für grüne Wutbürger) mit Füßen treten. Eine neue Erkenntnis? ...

Rose Theegarten spielt Andy Warhol

Wer ist Andy Warhol? Ein Künstler. Einige wissen das. Noch. Auch das Ensemble “Rose Theegarten”, einer freien Theatergruppe von sehr verschiedenen, guten, witzigen und netten Schauspielerinnen und Schauspielern. (Claudia Holzapfel, Bettina Muckenhaupt, Charles Ripley, Thomas Wenzel, Andreas Debatin an der E-Gitarre). Das soll Kunst sein? Das soll Theater sein? Das wird Theater. Die Gruppe, jeder Einzelne, nähern sich der Figur Warhol - und sich selbst. Es wird gespielt. Miteinander, Warhol wird kopiert, geht in Serie, verwandelt sich. Von seinem Charakter, seinen Schritten, seinen Schablonen wird abgeschaut aus Filmen, angeeignet, abgestoßen, probiert. Dabei werden Warhol und seine Kunst auf der Bühne nicht denunziert, obwohl manch einer im Publikum das sicher gerne hätte, lieber seine Vorurteile bestätigt wissen will. So ist es eben, das Publikum. Die Schauspieler lassen sich nicht beirren, nicht von den Zuschauern, oder von Andy oder von sich selbst. Sie gehen auf die Suche. Ein ...

Düsseldorf

Noch haben die Städte kein Geld, aber der Aufschwung kommt. Und eine Stadt wird erst attraktiv, wenn sie in richtige Kultur investiert, weicher Standort-Faktor. Wenn also unsere Lena mit dem nächsten Schlager aus der Raab-Fabrik ihren Titel verteidigt (im Eurovision Song Contest), dann ist das ein Kultur-Event mit Leuchtturm-Faktor. Also will die Stadt Düsseldorf über 9 Millionen Euro als Zuschuss dafür ausgeben. Gute Investition. Kultur muss sein. Zuschüsse für 'Musikantenstadl' oder 'Wetten Dass' (in der Schweiz hat es das schon gegeben), dann können wir uns alle anderen Theater sparen. Aber Köln ist stolz auf seine kleinen Theater - nein, nur auf das eine: das Hänneschen Theater, das Stockpuppenspiel um Hänneschen und Bärbelchen. Das ist auch immer ausverkauft. Deswegen soll es jetzt noch mehr Zuschüsse von der Stadt bekommen, die ja bekanntlich kein Geld hat, weswegen es diesmal nur noch 165.000.- € zusätzlich sind, insgesamt 1 Million Zuschuss, fast soviel wie di...

Söhne des Äthers

Im Theater bezaubert zu werden ist wunderbar. Über Radio Ro hatte ich geschrieben. Über die erste Inszenierung in der Ära Beier, die ich sah. Natürlich war ich jetzt da. Zum neuen Sienknecht-Abend. Die "Söhne des Äthers" sind Söhne und Töchter von Radio Ro. Sie tauchen auf in fast derselben Besetzung. Sie tauchen auf aus der dunklen Stille. Das alte Radio ist wieder da, der Plattenspieler und Gerätschaften mit Lampen und Schaltern. Neu sind die Fauteuils, 60er Jahre, im Halbrund, wie es im Inneren eines Raumschiffes üblich ist. Die Uhren sind keine Studio-Uhren, darüber steht Erde, Mond, Mars. Die Gesichter von Gestalten, unter Helmen von kleinen Stablampen angeleuchtet, tauchen auf. So sehen sie also aus, die Borg, nicht so wie bei 'Enterprise', so wie hier. Ein Höllentrip? Auf jeden Fall ernster als Radio Ro. Aber wieder muss ich Tränen lachen. Odyssee 2001 - Also sprach Zarathustra - mit Cello, Violine und Flöten, schräg, die große Kunst der kleinen Form. Der A...

Abschluss mit Lust

Eine Theaterinszenierung, die von Schauspielerinnen und Schauspielern beherrscht wird? Die Abschlussinszenierung einer Schauspielschule: hier könnte sich das Bühnengeschehen schon naturgemäß um die Spielenden drehen. Erste Voraussetzung für Theater. Und tatsächlich. Im Art Theater Ehrenfeld konnte ich mich freuen, erstaunen, hören, lachen, schauen. Die Abschlussarbeit der Theaterakademie Köln wurde zu einem guten, leichten, schwingenden Abend, der von der Spielfreude des Ensembles geprägt war. Hier wurde sichtbar, was immer seltener sichtbar wird oder werden darf - Energie, Rhythmus, Verwandlung, Komik. Lust. Apropos: Lust und Schauspiel im Theater sind ganz schlecht für Chancen auf Förderung. Das Art Theater - ich konnte mich an der Bar vor der Vorstellung mit dem Kollegen unterhalten, der das Ganze seit Jahren leitet - ist in Gefahr geraten durch die Auslöschungspolitik des Kulturamtes (Amtsdeutsch: Sparkurs). Der Kollege hat reagiert, musste reagieren. Im Art Theater, das sich...

Von Kommunikation, coolen Verträgen und Weltstars im Westen

In Duisburg bleibt der Oberbürgermeister verschwunden. Er sagt nichts. Er tritt nicht zurück. Er habe von nichts gewusst und nichts unterschrieben. Ausgefallener Funk, zusammengebrochenes Netz, fehlende Einsatzzentrale, Chaos und Überforderung, Schuldzuweisungen. Die Talkshows überschlagen sich. Die Familien der Opfer erfahren von der Trauerfeier durch die Zeitung. In einer Talk-Show ohne Loveparade und Kachelmann sitzt ein lustiger Bohlen-Superstar und RTL Dschungelcamp-Kandidat von damals. Einer mit lustiger Frisur, der unter Zwang steht, präsent zu bleiben, der nicht abrutschen will. Er bemüht die Ich-bin-anders-als-ihr-denkt-Masche. Jetzt muss er lustig Jazz singen. Er knödelt ‘Fly me to the moon’ und findet am Schluss die Töne nicht mehr. Eine blonde Schlagersängerin neben ihm, noch lustiger als er, lobt seine Intonationssicherheit. Der Moderator meint, er würde ihn, den Vorurteilsbeladenen, so überraschen. Ja, meint der gemeinte, Menschen seien mal lustig und mal traurig. J...