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Dem Erklärbär kannst du nicht entkommen

Ununterbrochenes Meinungs-Geplapper. Im Fernsehen haben Lieschen, Fritz, Ahmed, Fatima und Niköööö auf jeden Fall und überall ein Mikrööö vor der Nase und produzieren Meinungen. Meinungen zu Syrien, Burka, Wetter, Waschmittel, Wahlen, Kindesmissbrauch, Unfällen, Bränden und Preisen. Dazu werden jeden Tag fünfzig neue Bücher mit Meinungen über, sagen wir, Gerechtigkeit oder gesundes Essen oder Wege zum Glück, auf den Markt geworfen. Noch verwaschener, korrekter, sauberer und antiseptischer als in unseren Zeiten geht es kaum noch.
Wo ist der Dreck geblieben, der Witz, wo bleiben die Geschichten, die Theaterstücke, die surrealen Bilder?

Es ist grauenhaft. Von überall her werden wir mit Realität konfrontiert, mit Authentizität, wir werden von Fakten, Daten und Zahlen eingekreist, mit Statistiken und Binsenweisheiten beworfen. Gegen den Hass, für die Liebe, gegen Rassismus, für die Buntheit, für die Wahrheit, gegen die Lüge, für das Gute, gegen das Böse. Unfassbar. Teilen, teilen, teilen. Wir gehen unter im Kugelhagel der Meinungen. Bewusstlos. Stopp. Fakten-Check. Aber die Fakten im Fakten-Check sind falsch. Was nun? Egal. Alle glauben alles.

Wir Intellektuellen aber wissen: Weniger glauben, mehr wissen. Also: Statt lachen zu dürfen, sehen wir das lehrreiche Recherche-Kabarett. Hier bekommen wir die Statistiken auch noch erklärt: soundsoviel Prozent im Land besitzen soundsoviel, und nur soundsoviel Prozent besitzen soundsoviel. Bedeutungsschwangere Pause. Kreischen, hysterischer Applaus.
Also gibt es statt Kabarett: Neues aus der Anstalt, statt Satire: Mann, Sieber! Statt politischer Analyse: Carolin Emke, statt Unterhaltung: Hirschhausen, statt Nachrichten: heuteplus, statt Essen die nächste Kochshow. Wahnsinnig authentisch. Nur dass es nichts zu lachen, nichts zu riechen und nichts zu schmecken gibt.

Das alles lässt sich auch kurz zusammenfassen. Alles ist Hashtag: #kurzerklärt.
Überall wird erklärt, erklärt und nochmal erklärt. Hauptsache erklärt. Hauptsache Fakten, Fakten, Fakten.
Auf dem Schirm erscheinen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, schwarz vor rotem Hintergrund, tauchen auf und verschwinden wieder. Sprechblasen und Pictogramme erklären uns Kindern in Deutschland die Fakten. Was ist so lustig an Fakten?
Animierte Figuren, die sich vermehren, verschieben oder umfallen. Aha.

Aber warum bluten sie nicht, wenn über Kriege berichtet wird, warum werden ihnen keine Finger oder Beine abgetrennt? Stattdessen sehen wir Geldscheine, die fliegen, wenn Geld ausgegeben wird - und all die schwirrenden Pfeile, Quadrate, Säulen und Kuchenstücke, aber die Kuchenstücke werden nicht von Putin gefressen oder von Xi Jinping an die Wand geworfen, die animierten Häuser nicht in lustigen Explosionen in die Luft gejagt. Warum wird Erdogan nicht sabbernd im Laufställchen gezeigt, oder Trump in der Anstalt, oder Kaczynski als Giftzwerg, oder Schulz ohne Kopf?

Das bringt mich auf eine Idee. Das wären doch gute Geschichten. Und gute Geschichten, gutes Theater sind wahrer und wahrhaftiger als jeder Tweet und jeder Check. Was brauchen wir Fakten? Erzählen wir unsere Märchen.

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